Spoken Word


Nun bin ich hier (Philosophy Slam 2019)

Nun bin ich hier. Bin ich wirklich hier? Ich weiss, welch abgedroschene Frage, selbst für mich. Aber die Frage ist aufrichtig: Was ist dieses «hier», von dem alle reden? Mein Körper steht auf dieser Bühne, mein Geist jedoch ist anderswo. Und doch nirgends. Was zählt nun? Zeit… wie viel Zeit hab ich noch? Nicht bis ich sterbe, sondern bis ihr gelangweilt aufsteht und das Lokal verlasst. Als Philosophin hab ich’s nicht so mit dem Selbstbewusstsein. Ständig hinterfrage ich meine eigenen Aussagen. Dabei könnte man denken, dass Philosophen selbstverliebte Artgenossen sind. Sie haben kein Verständnis für jene, die nicht losgelöst von ihrem Körper leben können. Ihr ach so genialer Geist steht über allem. Ich meinerseits sehe das wie mein Kollege Immanuel: Er verachtete den gemeinen Geist nicht. Der konnte über die schrägsten Dinge lachen. Fiel ein Philosoph in einen Graben, weil er seinem Körper fremd war und lieber die Sterne betrachtete, war er der erste, der lachte. Und wie laut er lachte… kann ich euch sagen! Immanuel war auch ein totaler Lebemann – die Sinne waren ihm das Liebste. Ach, Immanuel… Aber genug von ihm.

Was kann ich sonst noch sagen? Nun, alles und nichts. Ja, ich weiss, wieder so eine abgedroschene, konstruierte Aussage. Doch ist nicht alles konstruiert, was wir sagen? Ja, ist es nicht sogar so, dass wir uns selbst dauernd konstruieren? Und alle anderen Menschen um uns herum gleich mit? Meine Kollegin Hannah, die nicht gern eine Philosophin genannt wird - Politische Theorie und Philosophie vertrage sich nicht, erklärte sie mir mal - sieht das so: Das Individuum, also ich, bin mit meiner Geburt dazu befähigt, Dinge aktiv zu verändern. Eine Philosophin, die aktiv wird? Da verlangt Hannah aber viel von mir. Sie ist dauernd aktiv, wisst ihr. Das unterscheidet sie grundsätzlich von allen anderen Philosophen, die ich kenne. Der Heidegger aber - mit dem hatte sie mal was - der denkt nur an den Tod. Tod, Tod, Tod. Bei ihm ist der Tod der Ursprung allen Denkens, bei Hannah ist es die Geburt. Macht ja auch mehr Sinn, wenn ihr mich fragt. Wobei, eigentlich könnte man sich schon auch fragen, ob im Tod nicht das eigentliche Denken beginnt. Für einen Philosophen scheint der Tod das Grösste überhaupt zu sein: Kein Körper, der dir als Ballast im Weg ist und alles dreht sich nur um den Geist. Du bist dann sogar selbst Geist, bestehst nur noch aus Gedanken. Herrlich. Ist nicht alles, was zwischen Geburt und Tod geschieht, reine Illusion? Ein erfülltes Leben – Illusion? Glück – Illusion? Liebe – Illusion? Da sind sie wieder, die konstruierten Begriffe. Ich dreh mich schon wieder im Kreis. Wie frustrierend das ist! Jetzt hätte ich Lust auf ne Zigarette!

(Denkpause)

Freiheit… Das höchste Ziel für viele. Doch wie gelangt man zu einem freien Leben? Das Leben an sich bindet mich an so viele Dinge: An Verpflichtungen, an einen Körper, den ich mir nicht ausgesucht habe. Selbst meine Gedanken sind einschränkend, können sie doch niemals losgelöst von Erfahrung und Einfluss sein. Ist man frei, wenn man endlich begriffen hat, dass der Akt des Denkens keine Lösungen bereithält? Oder sind wir doch dazu verdammt, frei zu sein? (Denkpause)
Wie spät ist es? Hab ich noch Zeit? Diese lästige Zeit, die geht mir auf die Nerven. Denn auch die Zeit ist ein Konstrukt! Ist meine Zeit eine andere als Eure? (Denkpause)
Vielleicht sollte ich mich mehr auf die Philosophie der Dinge konzentrieren, darüber sinnieren, ob das Mikrofon vor mir wirklich existiert, nur weil ich es sehe. Wenn ich die Augen schliesse, sehe ich es nicht mehr. Aber ich weiss, dass es da ist, weil ich es höre. Weiss ich es denn wirklich, wenn ich es nicht sehe? Kann ich meinen Sinnen trauen?
( Denken, entschlossen)

Oder vielleicht, nur vielleicht, ist das alles auch nur ein Traum. Und gleich wache ich auf und denke mir, dass ich träume. Ohne es zu wissen. (Pause) Wo sind meine Zigaretten schon wieder? Hat jemand meine Zigaretten gesehen? (Mich selber abtastend)


Der weibliche Körper als Fläche

Geschult von der tagtäglichen Bilderflut in der Werbung oder in der virtuellen Welt wird der weibliche Körper meist als zweidimensionales Objekt angesehen, ohne eigene Bedürfnisse und als reine Fläche, über die beliebig verfügt werden kann. Der weibliche Körper gilt seit Jahrhunderten als Geheimnis und Mythos. Die weibliche Nacktheit zudem wird sexualisiert, ihr wurden seit jeher zwei Funktionen zugewiesen: Entweder ist sie Vergnügen, oder sie muss verhüllt werden. Der weibliche Körper ist aber auch «das Andere». Wenn beispielsweise Virginia Woolf ihre Protagonistin in «Die Dame im Spiegel» sich selbst durch einen Spiegel betrachten lässt, dann schwingt auch immer ein Gefühl «des Anderen» mit. Sie bleibt von der Anwesenheit des fremden Blickes nicht verschont, auch wenn er nicht greifbar ist. Der Blick an sich agiert wie ein Sog, wir können uns ihm nicht entziehen. Wir entlarven uns selbst, in dem wir uns durch andere Augen sehen. Die Augen der Gesellschaft, der Konvention und des Objektes. Body Positivity ist das Wort der Stunde: Doch was bedeutet es? Wie sollen wir unsere Körper lieben, wenn uns dauernd gesagt wird, welche Körper liebenswert sind und welche nicht? Ich kann sagen: «Mein Körper gehört mir!» Doch tut er das wirklich? Oder gehört er nicht vielmehr all jenen, die mich mustern, die sich eine Meinung über mich bilden? Können wir völlig losgelöst unsere Körper lieben? Wenn man die Entwicklung auf Social Media Kanälen wie Instagram beobachtet, könnte man denken, dass Schönheitsideale keine Rolle mehr spielen und jeder Körper als schön und akzeptiert angesehen wird. Paradoxerweise verhilft auch Selbstliebe zu Profit: Die Diversität des Körpers ist selbst in der Werbung angekommen. Doch was genau bedeutet Körperdiversität? Diese Frage beantwortet uns die Werbeindustrie nicht.

Weibliche Körper sind mehr als ein Mythos: Die zeitgenössische Kunst ihrerseits fordert die Betrachter und Betrachterinnen dazu auf, die Körper als Subjekt wahrzunehmen. Die Subjektivierung des sexualisierten weiblichen Körpers erlaubt uns, neue Wahrnehmungen zu entwickeln und zeigt auf, wie einseitig und flach unsere Blicke sind, mit denen wir weibliche Körper betrachten. Kein Wunder: Körper werden uns auch als Flächen präsentiert – sei es das Plakat für Unterwäschewerbung, an welchem wir jeden Tag vorbeilaufen, oder seien es die Fotos auf Social Media, die wir lustlos und gleichgültig auf uns einwirken lassen. Doch was passiert, wenn die Fläche des Körpers selbst zum Mittelpunkt der Betrachtung wird? Die Kunst erweitert unsere Blicke und erschafft nie erdachte Körperwelten, die nicht mehr nur reine ästhetische Erfahrungen sind, sondern neue sinnliche Reflexionen darstellen, die über das irdische Verständnis hinausgehen. Die Wahrheit liegt in uns selbst – den Zugang zu dieser Wahrheit zu finden erweist sich als mühselig und scheinbar unmöglich. Doch nur, solange wir uns an den Konventionen orientieren, die uns vorgegeben werden. Und da kommt die Kunst ins Spiel: Sie begreift den Körper als Spielwiese, als lustvolle Bühne für neue Blicke.

Künstlerinnen wie Marina Abramović benutzen ihren Körper, einerseits als Leinwand und pure Fläche, sie lässt fremde Menschen ihrem Körper Leid und Schmerz zufügen – dies im Namen der Kunst. Ihr Körper scheint dadurch nicht mehr nur aus Haut, Knochen und Muskeln zu bestehen; er wird transzendent. Er wird zum Instrument der Launen anderer Menschen. Marina Abramović scheint aus ihrem Körper zu fahren und das Konzept des Kunstwerkes allein nimmt den Platz des Körpers ein. Die Beziehung zu ihrem irdischen Körper ist paradox: Einerseits erhöht sie ihn zum Kunstwerk, andererseits macht sie ihn zum Allgemeingut – ihre Seele scheint ohne ihn zu funktionieren. Ihre Werke sind eindrücklich und schockierend zugleich. So etwa ihre Performance «Rhythm 0» von 1970: 72 Gegenstände liegen auf dem Tisch einer Galerie in Neapel. Die Besucher und Besucherinnen können wählen, mit welchen Gegenständen der Körper der danebenstehenden Abramović in Berührung kommen soll. Zur Auswahl stehen unter anderem: Ein Parfum, eine Rose, eine Säge und eine Pistole. Wie weit gehen Menschen, wenn man ihnen die freie Wahl lässt, mit einem fremden Körper zu tun, was sie wollen? Sechs Stunden stand sie in der Galerie, mit dem Bewusstsein, dass sie jederzeit getötet werden könnte. Zuerst waren die Besucher und Besucherinnen zärtlich zu ihr: Sie küssten sie, legten ihr die Rose in die Hand, umarmten sie. Je länger die Performance dauerte, desto aggressiver wurden die Handlungen. Sie zerschnitten ihre Kleider mit einer Schere, tranken ihr Blut und jemand legte ihr die Pistole in die Hand, welche aber von Sicherheitsleuten wieder entfernt wurde. Ihr Körper agierte als scheinbar leblose Projektion der Emotionen der Menschen.

Die Performances von Marina Abramović sind jedoch nicht immer mit körperlichen Schmerzen verbunden. Ihr Werk «The Artist is present» lebt ebenfalls ausschliesslich von den Empfindungen der Besucher und Besucherinnen, dringt aber unscheinbar in deren Seelen ein. Auch hier setzt sich die Künstlerin für mehrere Stunden fremden Menschen aus: Während ihrer Retrospektive sitzt sie jeden Tag für drei Monate im Museum of Modern Art in New York auf einem Stuhl, während 1500 Besucher und Besucherinnen nacheinander ihr gegenüber Platz nehmen. Es wird nicht geredet, nur Augenkontakt gehalten, für einige Minuten lang. Manche brechen in Tränen aus, andere lächeln, wieder andere verziehen keine Miene. Beide Beteiligten machen sich in diesem Moment verletzlich – sie offenbaren sich einander. Es scheint, als würde Marina Abramović ganz tief in die Seelen der Menschen blicken und ihnen jene Gefühle entlocken, die ganz tief in ihrem Unterbewusstsein schlummerten. Die Menschen pilgerten von überall her in das Musem of Modern Art, nur um einige Minuten der Künstlerin gegenüber zu sitzen, als wäre sie eine Heilige, die alle ihre Probleme lösen könnte. Ihr Körper war auch während dieser Performance Projektionsfläche der Gefühle anderer, die Künstlerin selbst jedoch ist nicht nur Körper, sondern auch Geist, der den Besuchern und Besucherinnen nur durch den Augenkontakt zu antworten scheint und ganz bei ihnen ist. Sie gibt und sie nimmt.

Man könnte annehmen, die Fotografie könne in ihrer zweidimensionalen Form kein Gefühl der Haptik erzeugen. Das Gegenteil beweist Hannah Villiger. Die Fotografin fotografierte Fragmente ihres Körpers mit einer Polaroidkamera. Sie erforschte ihren Körper, untersuchte ihn und verfälschte ihn, indem sie die verschiedensten Perspektiven einnahm, Unschärfe zuliess und den Körper so nah fotografierte, dass eine Zuordnung der Körperteile unmöglich wird. Die Polaroidkamera war ihr Werkzeug, um die Landschaften ihres Körpers einzufrieren: Schnell, laut, unprätentiös und mit grellem Blitzlicht bildete sie Körperwelten dar, die scheinbar unverfälscht und ohne grosse Showeinlage daherkommen. Ihre Körperbilder sind mehr Skulpturen als Fotografien: Hannah Villiger vergrösserte ihre Polaroidaufnahmen und zog sie auf Aluminium auf. Durch die Abfolge und die Auswahl der Bilder schuf Villiger einen abstrakten Mikrokosmos von Körperbildern und bezog dadurch auch den Raum ein, da durch die Grösse der Fotografien eine gewisse Distanz nötig ist, um sie betrachten zu können. Es ist nicht die pure Selbstinszenierung, die sich in ihrem Werk zeigt. Im Lexikon des schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft SIK steht geschrieben: «Gleichzeitig ist die Fotografie für die Künstlerin ein Mittel zur Selbstbestimmung und Selbstvergewisserung, die – wie sie selbst einmal notiert – für sie eine existenzielle Notwendigkeit besitzt, ohne sich je im Autobiografischen zu erschöpfen.»

Durch diese Selbstvergewisserung wird die Fotografie zum Ventil ihres Dranges, sich selbst nicht zu verlieren und sich selbst vielleicht auch besser spüren zu können. Die Inszenierung jedoch besteht darin, wie sie dieses existenzielle Bedürfnis den Menschen zugänglich macht. Nicht nur die enorme Vergrösserung der handlichen Polaroidaufnahmen ist eine Inszenierung, sondern auch die Art und Weise, wie sie aus ihrem Körper einen neuen erschafft. Sie abstrahiert sich selbst. Fiktion trifft auf Haptik. Die zweidimensionale Fotografie wird plötzlich zu einer dreidimensionalen Skulptur aus Haut, Härchen, Muskeln, Finger, Füssen und Nippeln. Die Körperteile strahlen uns so brutal entgegen, dass man das Gefühl hat, die Körper berühren zu können. Die Verletzlichkeit, welche man mit nackter Haut assoziiert, wird auf einmal zu einer unglaublichen Stärke. Brüste sind keine zarten Knospen mehr, sondern Stacheln. Hände, nackte Beine und Arme umschlingend, wirken nicht mehr hilflos, sondern kraftvoll und beschützend. Die Kraft, mit der Hannah Villiger ihren Körper fotografisch abtastet, wird durch die Grösse der Bilder noch verstärkt. Der Raum scheint nur noch aus ihrem selbst kreierten Körper zu bestehen, den Blick abzuwenden ist kaum möglich.

Fantastische Körperskulpturen, die den Blick der Betrachter und Betrachterinnen lenken und uns die Körper nicht als Objekt, sondern viel mehr als Subjekt zeigen: Die Körper in Ernestyna Orlowska‘s Performance «Bodiy» agieren sowohl als Fläche, wie auch als Werkzeuge der Untersuchung, wie ein Körper funktioniert und wahrgenommen wird. Ernestyna Orlowska hinterfragt den kulturellen Zweck eines Körpers und führt ihn weiter, bis hin zur Abstraktion. Sie begreift den Körper als vielschichtiges Element des Ausdrucks. Wenn Marina Abramović ihren Körper als Forschungsobjekt für die Gefühle menschlicher Existenz begreift, so hinterfragen die Körper in «Bodiy» die existenzielle Funktion eines Körpers: Was ist ein Körper? Ist er reine temporäre Hülle? Orlowska spielt mit diesen Fragen, dekonstruiert die Körper und schenkt ihnen eine neue Daseinsberechtigung. Ähnlich wie Hannah Villiger, die ihren Körper ebenfalls dekonstruierte und abstrahierte und so neue Körperkonzepte erschuf, erschafft auch Orlowska Bilder, die sich ständig weiterbewegen – unaufhörlich bilden sich neue Körperskulpturen. Ihre Performance ist wie ein Ritual, welches sich immer wieder neu denken und betrachten lässt. Sie sieht den Körper nicht als fertiges Werk, auch nicht als feste Masse, sondern als Phänomen. Als Werkzeug und Fläche zugleich. Auf dieser Fläche versammeln sich all unsere Interpretationen, Konventionen, Vorurteile, Wünsche und Sehnsüchte. Und doch zeigt sie uns ebenfalls, wie ambivalent unsere Körper sind, wie viel Unbekanntes in ihnen schlummert.
Ernestyna Orlowska nimmt all dieses schlummernde Unbekannte in ihre Performance auf und zeigt es uns – ungeschönt und flüchtig.

Welche Rolle spielt nun der weibliche Körper in der Kunst? Marina Abramović, Hannah Villiger und Ernestyna Orlowska sind Beispiele für eine starke Rolle des Körpers als eigenständiges Kunstwerk. Die Künstlerinnen denken über ihren irdischen Körper hinaus und erschaffen ein abstraktes Körperverständnis, welches endlos weitergedacht werden kann. Der Körper wird in ihren Werken zur Projektionsfläche, zu kryptischen Skulpturen, zu Werkzeugen von Untersuchungen und er steht für das intrinsische Bedürfnis der Selbstwahrnehmung. Bei allen der drei Künstlerinnen ist die Frage nach der Wahrnehmung des Körpers eine sich immer weiterführende und stets verändernde – sie beantwortet sich selbst und doch ist die Antwort nie absolut. Der Körper ist keine zweidimensionale Fläche, sondern eine vielschichtige Projektion unserer gelebten Visionen. Die Normen, die uns tagtäglich begegnen, fetischisieren den Körper und vereinfachen ihn zu einer totalen Entkörperlichung. Die Vergänglichkeit des Fleisches, die Diversität der Körper wird dabei ausser Acht gelassen. Der weibliche Körper ist nicht nur eine sexy Werbefläche – sondern eben auch einfaches, echtes Fleisch. Die Kunst schafft es, den Körper nicht als Fetisch zu betrachten, sondern schenkt ihm sein Eigenleben zurück – dies erreicht die Kunst dadurch, dass sie normative Konzepte, wie ein Körper darzustellen ist, durchbricht und die Betrachter und Betrachterinnen schockiert, verblüfft, erzürnt und voller Fragen zurücklässt.

In der Kunstgeschichte zeigt uns die Malerei meist einen weiblichen Körper, der als Abbild der Realität gilt – als Idealbild sozusagen. Und meist ist es der männliche Blick auf den weiblichen Körper, der an den Wänden der Museen hängt. Frauen werden als Beschützerinnen, Huren, Heilige, Musen, gebärende Mütter, unheilbringende Geschöpfe und kokette Verführerinnen dargestellt. Ihre Körper stehen uns nackt und ausgeliefert zur Verfügung. Die Nacktheit ist in diesem Fall aber nicht gleichbedeutend mit der Selbstermächtigung des eigenen Körpers, sondern Sinnbild der Verletzlichkeit des weiblichen Wesens. Frauenkörper waren reine Zierde, das Schöne und Ästhetische aber definierte der männliche Maler. Auch wenn es scheint, dass sich dies im Laufe der Zeit geändert hat: Das feministische Kollektiv Guerilla Girls zeigte in den 80er Jahren auf, dass nur fünf Prozent der ausgestellten Kunstschaffenden weiblich seien, dagegen aber 85 Prozent der Akte, die an den Wänden hängen. Unser Blick auf weibliche Körper in der Kunst wurde von männlichen Künstlern beeinflusst. So agierte dieser Blick meist voyeuristisch und porträtierte die weiblichen Modelle scheinbar aus dem Verborgenen heraus. Dieser Voyeurismus begegnet uns auch in der heutigen Zeit – auf Werbeplakaten und auf Social Media wird er zelebriert.

Mit diesem Voyeurismus stellt sich gleichzeitig die Frage nach der Intimität: Hat der eigene Körper überhaupt noch einen Anspruch darauf, als intim angesehen zu werden? Der Körper wird beispielsweise auf Instagram so geschönt und idealisiert präsentiert und wir alle können an diesen vorgespielten, intimen Situationen teilhaben. Hat sich also die Definition von Intimität verschoben? Ist nackte Haut nach wie vor eine intime Fläche? Das Thema der Intimität begegnet mir in meinem künstlerischen Schaffen immer wieder. Wenn ich versuche, die Intimität mit der Kamera zu ergründen, sie zu hinterfragen und sie schlussendlich zu visualisieren, gerate ich immer wieder in denselben Strudel an Fragen. In der Badewanne sitzend, frage ich mich, ob eine Fotografie meiner nassen, nackten Haut nun intim ist oder nicht. Ich sitze mit einer Freundin in einem Café, sie erzählt mir intime Dinge. Ist die Aufnahme ihrer Hand, während sie wild gestikuliert, intim? Und so kann man sich ebenso fragen: Ist der Körper grundsätzlich eine intime Fläche? Intimität hängt stark mit Vertrauen zusammen. Die Freundin vertraute mir, deswegen erzählte sie vertrauliche, eben intime, Geschichten aus ihrem Leben. Wenn ich also meinen nackten Körper fotografiere und ihn auf Social Media poste, vertraue ich der virtuellen Welt und all seinen Besuchern und Besucherinnen meinen Körper an. Doch wird die Fläche des Körpers nicht schon dadurch verfälscht, in dem Moment wie ich ihn abfotografiere? Oder mich dazu entscheide, nur einen Ausschnitt davon zu zeigen? Ich sexualisiere in dem Moment meinen Körper nicht offensichtlich, aber ich weise auf Eindeutiges hin, ohne den Betrachtern zu verraten, welche Körperteile sie vor sich sehen und so ertappe ich sie bei dem Versuch, meinen Körper zu sexualisieren. Dies zu tun ist ein Reflex, ausgelöst durch die tief verankerte Annahme, dass die Frau ein rein sexuelles Wesen sei. Mich selbst zu sexualisieren oder andere einzuladen, dies zu tun jedoch, ist eine selbstbestimmte Handlung, die mir eine gewisse Macht zurück schenkt. Ist die Intimität also somit noch gegeben? Die Studie der Intimität, die ich seit einiger Zeit verfolge, konnte mir meine Fragen noch nicht beantworten. Wenn ich den Voyeurimus der virtuellen Welt zulasse, indem ich ephemere und intime Momente im Netz veröffentliche, definiere ich die Intimität neu, gleichzeitig lasse ich sie aber auch gar nicht erst zu. Denn in Wahrheit gebe ich ja nur eine existierende Intimität vor. Und dies als selbstbestimmte Handlung. Auch in meinen vorhergehenden Beispielen werden die Körper eng mit der Intimität betrachtet. Sei es ein konstruierter Moment mit dem Publikum, der die Intimität schon fast erzwingt. Sei es die intime Betrachtung des eigenen Körpers, die es zulässt, ihn auch dekonstruieren zu können, dass er schlussendlich eher als eine Frucht oder eine Blume betrachtet werden könnte. Oder sei es die Frage nach der Funktion eines Körpers, wenn wir ihn von seinen gewöhnlichen Formen befreien. Wenn also der männliche Künstler die Frauenakte auf voyeuristische Weise auf die Leinwand bringt, nimmt er ihnen die selbstbestimmte Intimität und zwingt ihnen seine eigene auf. So macht er sie zum Objekt.

Ob im Museum, auf Social Media oder auf der Theaterbühne: Wir alle können uns gegen einen objektivierenden Blick auf unsere Körper wehren. Wir können hinter die Fassade blicken, anstatt nur zu reproduzieren, was lange Zeit als schön und richtig galt. Und wir alle leisten heute Abend unseren Beitrag dazu, das vermeintliche Geheimnis des Körpers zu lüften.


Sarkastisch-poetische Chronik einer Single Frau

Jeden Tag wandere ich, ich soll, ich will, ich muss jenes und ich werde dieses, Masken aufgesetzt und wieder weggewaschen, manche bleiben, manche wollen nicht bleiben, jeden Tag im Strudel des Lächelns, des freundlichen Nickens, des „wie geht’s dir?“, „gut und dir?“ - Karussells, unaufhörlich und stets wiederholend rufen sie meinen Namen auf der Strasse: „Ich hab dich fast nicht erkannt, wie lange ists her?“ „Das muss ewig her sein“, säusele ich, „ich bin jetzt verheiratet und habe einen festen Job. Nicht mehr wie früher, weisst du.“, wie schön für dich, denke ich, ein gequältes Lächeln, während ich Zeilen im Kopf habe, unzählige Worte, die mich begleiten und Bilder, so viele Bilder, die die Welt erschüttern sollen und doch komme ich nicht weiter. Unverheiratet, was für ein Armutszeugnis, sagen die Augen meiner Gesprächspartnerin mitleidig. Single, mit fast 30, was läuft nur falsch in meinem Leben? Scham überkommt mich, marginalisiert und zurückgestossen verabschiede ich mich rasch und kehre zurück in meine kleine Wohnung im zweiten Stock, wenigstens die Katze ist da. So wiederholt es sich, meine Geschichte, mein Schicksal, meine Rechtfertigung, was würde ich nur ohne meine Masken machen, die jeden Tag bereit sind, aufgesetzt zu werden, letzte Kontrolle im Spiegel, sitzt, passt, rutscht nicht. Der Spiegel als Freund, doch manchmal Feind.
An einem dieser Tage, an dem die Maske besonders auffällig, glitzernd und fröhlich war, fiel mir ein Magazin in die Hände, ein kleines, glänzendes, farbiges Magazin, solches nicht mehr gelesen seit 2003, vielleicht wissen ja die jungen Leute besser Bescheid als ich, ich schlug es auf und da waren sie: Die Seiten, die mein Leben verändern sollen, in verschnörkelter Schrift und bordeaux- glitzer-hellrot-magenta stand da: „Do’s and Dont’s beim ersten Date“. Darauf hat die Welt gewartet! Ich muss tatsächlich nicht mehr selber denken, was für eine Wohltat, was für eine Rettung: Noch mehr Regeln, noch mehr Optimierung! Ich verschlang die Zeilen sofort, darin stand:

- „DO: Das Gespräch planen. Gute Dates bereitet man vor. Das gilt auch für die Themen.“ Was für ein weiser Mann, dieser Date Doktor. Aber natürlich! Ich setze mich sofort hin und plane akribisch, analytisch und neurotisch die Gespräche, die ich bei meinem nächsten Date führen will. Die Antworten des Gegenübers plane ich natürlich gleich mit, ein wenig Kontrollzwang hat noch niemandem geschadet. Mein Date wird ja wohl nicht auf die Idee kommen, selbst Gesprächsthemen zu haben, das kann ja gar nicht sein, immer muss man alles alleine anreissen, ist doch klar.
- „DO: Nachfragen, nicht ausfragen. Mit vielen geht die Neugierde durch und sie fragen staccato nach. Das wirkt unsouverän. Besser ist es, auf ein Thema einzugehen, wie der letzte Urlaub.“ Unsouverän? So will ich natürlich nicht wirken. Ist auch logisch, dass Frauen, die zu viel fragen, als neugierig angesehen werden. Und Neugierde ist ja so eine schlechte Angewohnheit für Frauen! Das ist bestimmt der Grund für mein Singledasein: Mich interessieren einfach zu viele Dinge! Das sieht Mann natürlich gar nicht gern. Staccato ist ja auch eine nervige Tonabfolge. Frauen dürfen also nicht wie aufdringliche Töne klingen... ich runzle die Stirn.
- „DO: Gemeinsamkeiten schaffen. Gefällt meinem Date das Café nicht, lobe ich nicht den Cappuccino.“ Ich verstehe, Menschen mögen es nicht, wenn man eine eigenen Meinung hat. Ja, jetzt wird mir vieles klar. Ich habe andauernd meine eigene Meinung kundgetan, gesagt was ich mag und was ich nicht mag, sogar wenn jemand anderes nicht meiner Meinung war! Das ist natürlich ein totaler Abturner. Ich muss noch so viel lernen, denke gleichzeitig aber: Will ich mich denn so verbiegen?
- „DON’T: Plappern. In der Aufregung plappert man Sachen, die dem Gegenüber nicht gut gefallen könnten. Das Gegenüber sollte 50% Redeanteil haben.“ Ach, es ist nicht in Ordnung, wenn ich Dinge sage, die dem Gegenüber nicht gefallen? Oh, ja dann habe bis jetzt ich wohl alles falsch gemacht. Und Diskutieren geht ja dann wohl auch nicht, weil man da zu emotional reagiert und zu viel plappert. Ich lasse einfach den Mann reden, die mögen das ja bekanntlich, sich selbst zu hören. Hat der Date Doktor gesagt. Obwohl ich liebend gern diskutiere, es gibt nichts Anregenderes! Wie soll ich denn mich selbst bleiben, ohne emotional zu reden?
- „DO: Um Hilfe fragen. Leute lieben es, zu helfen. ER fühlt sich geschmeichelt, wenn wir ihn in technischen Fragen um Hilfe bitten.“ Allmählich fange ich an zu stolpern. Wieso sollte ich das tun, nur um ihm zu schmeicheln? Was ist, wenn ich es selbst kann? Wie schmeichle ich ihm denn sonst? Dieses ganze „richtige“ Benehmen einer Frau ist ja so kompliziert. Der Date Doktor sagt, ich solle hilflos wirken, das mögen die Männer. Aber ich bin nicht hilflos... Bin ich jetzt falsch gestrickt? Mögen mich die Männer deswegen nicht? Ich lese verwirrt weiter..
- „DO: Weise wählen. Spaghetti, Burger und Salat sind verboten. Besser wären Pommes und alles, was man schneiden kann.“ Jetzt schreibt dieser Date Doktor mir auch noch vor, was ich beim Date essen soll? Früher oder später wird es wohl vorkommen, dass ein Mann mich mit
Tomatensauceverschmiertem Mund sieht, wieso also so tun, als wäre man immer rein und ohne Fehler? Ich könnte ja einen Tomatensaucenfleck auf mein Hemd riskieren, oder noch schlimmer: auf seins! Ich soll nicht neugierig sein, nicht plappern und dann darf ich nicht mal einen Fleck machen? Dann hätte man wenigstens was zu lachen... weil bis jetzt wäre das Date todlangweilig.
- „DON’T: Meckern. Frauen, die ein gewisses Niveau haben, haben die Angewohnheit, scharf zu kritisieren. Damit kann der Mann nicht umgehen. Wenn er sich unterlegen fühlt, sich nicht mehr als der Held fühlt, der er ist, verzichtet er wohl auf ein zweites Date.“ Aber jetzt geht langsam die Wut mit mir durch. Dieser Date Doktor scheint ein Spezialist darin zu sein, Menschen oder Leute zu kategorisieren. Wenn ich meine scharfe Zunge bei mir behalten soll, dann habe ich ja gar nichts mehr zu reden! Auch auf diese Art und Weise kann man Gemeinsamkeiten schaffen, denn auch viele Männer, die ein gewisses Niveau haben, um den Date Doktor zu zitieren, kritisieren gerne und intelligent. Dies hat jedoch nichts mit Meckern zu tun! Und dann ist es mir auch recht, wenn er kein zweites Date mit mir haben möchte, wenn er sich unbedingt als Held fühlen will. Ich fasse mir verzweifelt an den Kopf, spüre mein Adrenalin aufkommen und blättere wütend weiter, zu der nächsten Seite dieser anscheinenden Offenbarung.
- „DO: Abwarten. Jungs wollen jagen, nicht gejagt werden. Als Frau sollte man mindestens zwei Tage warten, bis man sich nach einem Date meldet. Das wirkt Selbstbewusst und Selbstdiszipliniert.“ Steinzeit Allegorien, wie kreativ und so neumodisch. Ich, als selbstbewusste Frau, will mich jedoch nicht jagen lassen. Ich bin schliesslich kein scheues Reh im Tannenwald. Wenn mir was gefällt, sag ich das direkt und offen heraus. Ich rede, wenn ich nicht sollte und ich lächle nicht, nur weil man es von mir erwartet.

Gedanken geordnet, Heft zugeklappt, aus dem Fenster starrend, als wäre ich aus einem Dostojewski Roman entsprungen, tief seufzend, enttäuscht und voller Fragen im Kopf sitze ich da, streichle meine Katze, die mich argwöhnisch beäugt und ein heiseres „Miau“ von sich gibt. Ich dachte wirklich, endlich Antworten darauf zu finden, wieso ich mit fast 30 immer noch alleine bin. Und dies in diesem kleinen, farbigen, glitschigen, lauten Heftchen, Zielgruppe Teeanger bis junge Erwachsene. Wie töricht von mir. Ich stehe auf, werfe das Heft theatralisch aus dem Fenster, es fällt schwer und dumpf auf den einsamen Gehsteig unter meinem Fenster. Aber jetzt mal im Ernst: Was für ein Schwachsinn sich junge Mädchen anhören müssen und dies von einem sogenannten Date Doktor! Ich bin froh, fast 30 zu sein, Single und stolze Katzenbesitzerin. Wenn man sich so verbiegen muss, um bei „Jungs“ gut anzukommen, will ich gar kein Date. Wenn Männer wirklich so denken, können sie mir getrost gestohlen bleiben. Bis derjenige kommt, der gerne mit mir zusammen meckert. Ich bleibe noch ein wenig alleine, ich bleibe lieber bei mir selbst. Dies kann ich nämlich am Besten.
Nicht gut genug? Nicht frei genug? Manche Dinge müssen nicht verändert werden, ich muss mich nicht verändern, niemand sollte das Gefühl haben, anders sein zu müssen, nur weil sich jemand anderes daran stört. Auch wenn ich das Risiko eingehe, mit meinen Ansichten anzuecken.
Und so werfe ich meinen moosgrünen Schal um meine Schultern und stolziere in den dunklen, neonbeleuchteten, kühlen Herbstabend, auf dem Weg in die nächste Bar, um auf klassische Art und Weise dem Balzverhalten von Männern beizuwohnen, keine Maske aufgelegt, mutig und stolz. Ich soll nicht, ich muss nicht, ich werde nicht. Ich bin.



Der Exzess

Mein Leben könnte man als exzessiv bezeichnen. Was dies bedeutet, versuche ich bis heute zu ergründen. Denn mein Exzess hat sich verändert, er hat sich auf der Reise weiterentwickelt. Wenn man eine Handlung bis in den Exzess treibt, dann bedeutet dies, dass man über seine eigenen Grenzen hinausgeht. Grenzen, die man sich selbst auferlegt hat, zerfliessen plötzlich und alles scheint möglich. Ein Exzess ist ein Überschuss. Man gibt sich einem Zwang hin, der sich in diesem Moment gar nicht wie einer anfühlt. Will sagen: Man vergisst, dass man einen menschlichen Körper und einen gesunden Geist besitzt, die den Exzess erleiden müssen. Der Geist ist völlig losgelöst von der Last des Körpers. Er macht mit dir, was er will. So jedenfalls fühlten sich meine Exzesse an, wenn sie leise an meine Tür klopften, meinen Geist entführten, ihn mir beschädigt wieder zurück brachten und sich mit hämischem Lachen verabschiedeten. Es gab Momente in meinem Leben, in denen ich nicht aufhören konnte, mich selbst zu zerstören. Auch wenn es sich in diesem einen Moment nicht wie eine Zerstörung anfühlte.

Der Exzess war das Salz auf meiner Haut, während ich in einem kleinen Café in Oaxaca sass und Mezcal trank. Mein Mund war taub, meine Lippen sauer, die Zunge schwer. Das Salz war einerseits der Schweiss der langen Nacht, in der ich durch die erhitzten Strassen und Gassen dieser lebendigen Stadt streunte. Andererseits stammte es vom Schweiss eines Mannes, der mich durch den Sog der Strassenlaternen zog. Er war es, der mich angefeuert hat, wenn ich nichts mehr trinken wollte. Er war es, der meinen müden Arm ergriff, wenn er ein weiteres Lied lang mit mir tanzen wollte. Die Rhythmen der Musik: Salsa, Bachata, Cumbia - All die Musik, die ich so liebte, klang in meinen Ohren nur wie ein Versprechen, welches nicht erfüllt wurde. Der Exzess war das Versprechen von träger und lustvoller Hingabe, drei Minuten oder drei Stunden lang. Die Zeit verabschiedete sich mit meinem Kontrollverlust. Das Versprechen geisterte auch durch die Atmosphäre aus Neonlicht und sich wogenden Körpern. Es war laut, die ganze Nacht lang. Mein Kopf schmerzte, während ich auf meinem Plastikstuhl hin und her rutschte. Mein ganzer Körper schrie nach Schlaf. Die Nacht war immer noch stockdunkel, ab und zu hörte man die Vögel, die den Tag ankündigten. Es waren kaum noch Menschen unterwegs, manche Frauen in farbigen Kleidern trugen Körbe voller Lebensmittel die Strasse hinunter, die sie an diesem Morgen auf dem Markt verkaufen würden. Es regnete sanft. Die Hitze war feucht, mein rotes Kleid klebte an meiner Haut. Der Mann mir gegenüber, mein Entführer der Nacht, blickte mich betrunken und verliebt an. Ob ich noch einen Mezcal wolle. Ich verneinte. Am liebsten hätte ich in diesem Moment geweint. Ich war weit entfernt von zu Hause, in einem Land, welches wie ein ungelesenes Buch in meiner Bibliothek lag. Ich wollte es lesen, ich habe es geradezu verschlungen. Der Exzess war dasselbe nie enden wollende Gefühl, das Leben nicht verpassen zu wollen. Aber an diesem Ort fühlte er sich anders an. Er fühlte sich nach Suche an, nach Ungewissheit. Und gleichzeitig fühlte ich mich wohl in ihm. Dieser Exzess gefiel mir. Er schmeckte nach Sonne, Limette und flüsterte mir mystische Worte in’s Ohr. Morgens um 6 Uhr in einem Café in Oaxaca jedoch fühlte er sich einfach nur echt an. Ich wollte aufstehen und gehen, doch ich wusste nicht wohin. Ich hatte keine Ahnung, wo genau wir waren. Ich kannte die Strassen noch nicht gut, war ihnen einfach ziellos gefolgt. Ich starrte den blauen Boden an, der glänzte wie eine reife Frucht – er wurde frisch gewischt. Der Mann mir gegenüber redete auf mich ein, doch ich verstand kein Wort mehr. Ich lächelte und er schien damit zufrieden zu sein. Nach weiteren endlosen Minuten, während ich abwechselnd auf den Boden und auf den roten Plastiktisch vor mir starrte, die leeren Shotgläser darauf, die abgekauten Limetten daneben, stand ich auf und brabbelte eine Entschuldigung vor mich hin. Ich müsse nach Hause, ich sei müde. Der Mann protestierte lautstark, doch ich schlüpfte durch die Tür und war draussen. Ich holte tief Luft und zündete mir eine Zigarette an. Meine Glieder waren mit Alkohol getränkt, mein Kopf brummte. Die Stadt verstummte und ich genoss die Ruhe. Diese Strassen besassen eine mystische Aura, die mich anzog, seit ich das erste Mal durch sie gestreift bin. Als würden hinter jeder Tür eines blauen, roten oder gelben Hauses Geheimnisse gehütet. Jahrhunderte alte Geheimnisse, aus einer anderen Zivilisation, einer anderen Welt. Geheimnisse, mit denen wir heute nichts mehr anzufangen wüssten. Selbst die alten Frauen aus den umliegenden Dörfern, die hier auf den Strassen ihre Produkte verkauften, wirkten auf mich wie alte Statuen, die unfassbar viel Wissen in sich trugen. Es zeichneten sich die Erfahrungen eines ganzen Lebens in den bewaldeten, dunklen Bergen von Oaxaca in ihren faltigen, aus Leder geformten Gesichtern. Ich versuchte, meine Gefühle zu benennen. Der Wunsch nach Kontrolle war zurückgekehrt und ich war einfach nur eine Hülle, die wie ein Laken im morgendlichen Wind wehte, ohne zu wissen, warum genau ich da hing. Es regnete nun stärker und in kürzester Zeit war ich durchnässt. Der kühle Regen reinigte mich vom Schmutz der letzten Nacht, er befreite mich von der Negativität meiner Gedanken, die sich wie Nadeln in mein Gehirn bohrten, sich festsetzten und alles verzerrten. Diese Ruhe! Ich tauchte vollkommen in sie ein. Ich stand immer noch vor dem Café. An den Mann in dem Café denkend, setzte ich mich in Bewegung. Jeder Schritt war eine Qual, meine Beine waren schwer vom Tanzen. Ich hatte das Gefühl, nicht von der Stelle zu treten, obwohl die Häuser Oaxaca’s an mir vorbeizogen. Der Exzess war das Sehnen nach Ruhe und Geborgenheit in diesem Moment. Mañana, Mañana… Morgen wird alles wieder gut sein, dachte ich. Sobald die Sonne wieder auf die steinigen Strassen brennt, sobald die Menschen wieder durch die Gassen schlenderten, sobald ich meine Augen wieder aufmachen würde, sobald der Schmerz verschwinden würde. Ich war nicht unglücklich in diesem Moment, in dem ich herumirrte, um ein Taxi zu finden. Im Gegenteil - ich fühlte mich zu Hause. Ich fühlte mich nicht allein. Ich war ganz bei mir. Wo immer das auch gerade war. Ich geisterte mit den leeren Versprechen durch die Atmosphäre, durch die Täler und Berge, durch die Bars und Cafés dieser alten Stadt. Ich verliess meinen Körper und atmete Leben ein. Manchmal stank es, manchmal musste ich husten, doch in diesem Moment roch es nach Orchideen, die ihren schweren Duft aus den Bergen in die Stadt trugen. Mit dem Exzess bist du überall zu Hause, sagte ich leise und lächelte. Oaxaca roch für mich nach diesem Abend immer nach Regen, Orchideen und altem Schweiss. Und schmeckte nach Limetten und Chili.

Die Exzesse in Mexico trugen mehrere Gewänder. Sie endeten aber meistens einsam und fremd. Und ich konnte nicht genug davon bekommen. Am Anfang eines Abends war ich meist noch in Begleitung von bekannten Gesichtern, die mich durch die Stadt führten. Von einem schönen Ort zum Nächsten. Ich lernte noch mehr Gesichter kennen und schlussendlich hatte ich den Überblick verloren. Es schien, als wäre Oaxaca nur nachts für mich zugänglich. Während ich tagsüber schüchtern und neugierig durch die Strassen lief, mich dem Alltag fügte und immer wieder Neues entdeckte, fühlten sich die Nächte in dieser Stadt wie ein Mysterium an. Die Stadt war wie eine unentdeckte Ruine. Der Strassenmusiker, der in einer einsamen, kaum beleuchteten Strasse spielte, schien einen Schmerz mit mir zu teilen. Ich bildete mir ein, diesen jahrhundertealten Schmerz aus seinem Gesang erfühlen zu können. Nachts fühlte ich die Geister der Stadt. Ich will damit nicht sagen, dass diese Stadt tagsüber langweilig war. Sie war anders als jede andere Stadt. Sie verlor ihre Aura nicht. Es war nur eine andere Aura, die sie im Sonnenlicht umgab. Es war lebendig, es war chaotisch, laut, es roch überall nach Gewürzen und Essen, die Menschen lachten, assen zu Mittag, trödelten über den Markt und tanzten. Und wie sie tanzten. Jeden Tag zogen auf der Strasse vor der Kirche Santo Domingo Umzüge vorbei. Junge Mädchen und Jungen in folkloristischen Kleidern tanzten mit einem Lächeln im Gesicht, die Kapelle dicht auf ihren Fersen. Ich liebte es, wie laut es in dieser Stadt manchmal war. Auch wenn ich nichts hörte, war es laut. Die Häuser waren laut, die Luft war laut. Ich liebte es, ich fühlte mich zu Hause in dieser ständig lebendigen Stadt. Denn sie war nicht aufdringlich, sie war sanft und natürlich. Nichts wirkte aufgesetzt, es war ein Fluss in der Bewegung der Menschen. Ein langsamer Fluss, der genau weiss, wo er hin fliesst. In unserer westlichen Welt wissen wir nicht wohin wir gehen, aber Hauptsache wir sind schnell dort.

Ich liebte die Nacht schon immer. Ich malte nachts, ich schrieb nachts, ich trank nachts und ich vergass mich nachts. Aber an diesem magischen Ort war alles anders. Auch hier trank ich nachts und vergass mich nachts. Aber ich trank nicht, um mich zu vergessen. Es hatte sich etwas in mir angestaut. Ich wollte jedes Gefühl, welches ich in dieser Stadt empfand, in mich aufsaugen, damit ich es nie wieder vergessen konnte. Ich wollte noch mehr Menschen kennen lernen, ich wollte noch mehr von dieser Aura spüren. Ich konnte nicht genug davon bekommen, durch die nächtlichen Strassen zu tanzen, auf dem Weg in eine neue Bar. Ich wollte Neues, immer wieder Neues. Der Exzess war die unbändige Sucht nach Neuem. Nach dem ich wie in einem Strudel an den Grund des Flusses gezogen wurde, wurde ich wieder ausgespuckt. Ich sehe mich alleine vor der Kirche Santo Domingo sitzen. Ich atmete stets tief ein, um auch den letzten Geruch der Nacht durch mich fliessen zu lassen. In dieser Nacht war ich alleine unterwegs. Meine Begleitung setzte mich in ein Taxi. Nach einigen hundert Metern sagte ich dem Taxifahrer, er solle umkehren und mich zurück in die Stadt bringen. Ich versuchte mich, an den Namen eines Clubs zu erinnern, den ich tagsüber beim Vorbeilaufen entdeckt habe. Er setzte mich in einer Seitenstrasse ab. Der Eingang war klein und schwarz. Die Frau am Eingang machte mir ein Kompliment zu meiner Kleidung. Die Stimmung war losgelöst, die Musik gefiel mir. Es war ein alternativer Club, die Gäste waren sehr jung. Der Innenraum erinnerte an eine kleine Lagerhalle und war sehr dunkel und eng. Die vertrauten Salsaklänge prasselten über mich ein und ich machte mich auf den Weg zur Bar. Ein junger Mann sprach mich an, ich verstand nicht genau was er sagte. Ich streckte ihm meine Hand entgegen und nannte meinen Namen. An seinen Namen erinnere ich mich nicht. Wir tranken mit seinen Freunden zusammen, bevor auch dieser Club zu machen würde. Das Licht ging an und die Musik verstummte. Ein vertrautes Gefühl der Scham kam in mir hoch, mal wieder die Letzte zu sein, die ging. Das Licht bohrte sich in meine Wahrnehmung, als würde ich aus einem Traum aufwachen. Meine Bekanntschaft machte mir kurz vorher noch einen betrunkenen Heiratsantrag und küsste mich. Schockiert über diese Unbefangenheit floh ich in Richtung Ausgang und winkte ihm beschämt zum Abschied. Ich torkelte durch die leeren Strassen und fand mich vor der Kirche Santo Domingo wieder. Ein Pärchen küsste sich neben mir und ich fing an, leise zu weinen. Wieso, wusste ich nicht. Ich fühlte mich in mir selbst gefangen, als hätte ich komplett die Kontrolle verloren. Dieses Gefühl kannte ich sehr gut, es begleitete jeden meiner exzessiven Nächte. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon einige Wochen in Oaxaca und dachte, dass mich meine Dämonen überall hin verfolgen würden. Egal wo ich war. Der Exzess war keine Flucht. Der Exzess war eine Suche nach einem Gefühl, dass sich zu fühlen lohnte. Diese Stadt bot mir alles, was ich dazu benötigte. Ich war glücklich in Oaxaca. Doch unglücklich in mir selbst. Ich machte mir Sorgen darüber, wie ich meine Dämonen zu Hause in der Schweiz zähmen könnte. Ich dachte darüber nach, wie unglücklich ich sein würde, wieder in der Schweiz zu sein. Dass ich den Exzess auf die Spitze treiben würde, nur um die Gefühle zu vergessen, die ich in Mexico hatte. Ein Gefühl, angekommen zu sein. Ein Gefühl, etwas gefunden zu haben, wonach ich schon lange gesucht habe. Und ich wollte mehr davon. Und hier gab es so viel davon. Es gab so viel seelischen Überfluss, dass ich nicht aufhören konnte, zu fühlen. Zudem dachte ich sehr viel nach. Ich reflektierte mich selbst - mein Verhalten, sowie meine Gefühle. Ich dachte aber auch sehr viel über meine Kunst nach, die sich auch verändert hatte, seit ich in Mexico war. Ich arbeitete zu dieser Zeit an einem Fotografie-Projekt für mein Studium. Das Thema des Projektes war „Exil“ und mein Ziel war es, Mexico als meine seelische Heimat abzulichten, ohne ausser acht zu lassen, dass doch alles fremd war. Die Motive auf diesen Fotografien waren einerseits alltäglich, ich sah sie jeden Tag. Und doch waren sie fremd. Diese Grenze versuchte ich zu erforschen. Ebenso erkannte ich, dass ich mit meiner Kamera als Beobachterin funktionierte. Ich tauchte nicht wirklich in das Leben der Menschen ein, ich fing die Atmosphäre ein. Denn die Atmosphäre war das, was auch mich sofort gefangen nahm. Die Menschen als Akteure in der Stadt. Und andererseits waren die Motive sehr persönlich. Ich machte Selbstportraits von mir in mexikanischen Gewändern. Auch die Fotografie war ein Werkzeug dafür, um mich selbst zu erforschen. Um herauszufinden, wo sich meine Seele rumtrieb. Der Exzess war es, mich selbst um jeden Preis verstehen zu können. Mich erklären zu können, jedem einzelnen meiner Schritte einen Sinn zu geben. Ich sezierte mein Innenleben und bildete es dar. Ich wollte nicht stillstehen. Nicht hier. Nicht, wenn es noch so viel zu entdecken gäbe. Ich wollte mehr Musik, mehr tanzen, mehr Menschen.

Die Wochen vergingen und ich reiste von Oaxaca noch weiter ins Landesinnere. Der Exzess war es, nach dem archaischen, vertrauten Gefühl zu suchen, welches ich in Oaxaca hatte. Und ich scheiterte. Damals fragte ich mich, ob die Unersättlichkeit des Exzesses wirklich von einem Rausch abhängig war, ob ich auch ohne Alkohol und ohne Drogen exzessiv sein kann. Der Rausch fühlte sich an wie eine warme Decke, die von einer liebenden Mutter über mich gelegt wurde. Ich konnte den Exzess nicht ohne den Rausch denken. Ich irrte durch die Städte und versuchte, mich zurecht zu orientieren - aber ich fühlte mich verloren. Ich wollte nichts Neues mehr, meine Seele war überfüllt und schwer geworden. Die Schönheit des Landes überwältigte mich immer wieder, egal wo ich war. Ich hatte das Gefühl mich selbst zu verlieren und ich hatte Angst, nach Hause zurück zu kehren. Bald würde ich dieses magische Land verlassen müssen. Der Exzess war es, meine genährte Seele nicht vertrocknen zu lassen.

In der Schweiz waren meine Exzesse brutaler. Hier trank ich, um zu vergessen. Als ich aus Mexico zurückkehrte, trauerte ich wie um einen verstorbenen Menschen. Ich wusste nicht mehr, was „zu Hause“ überhaupt bedeuten soll, wenn die Seele dir nicht dorthin folgt. Ich trug auch hier weiter die mexikanischen Gewänder. Wie eine Botschafterin aus einer anderen Welt lief ich durch die sonnendurchtränkten Strassen. Der Sommer zwang mich zur Unbeschwertheit und Lethargie – ich entdeckte meine Heimatstadt neu. Als wäre ich Jahrzehnte weggewesen und wäre nun wieder zurückgekehrt. Die Zeit stand still, nichts hatte sich verändert. Der Exzess war die Suche nach Neuem in einer vertrauten Umgebung. Nachts jedoch trank ich bis zur Besinnungslosigkeit. Ich fühlte mich plötzlich unglaublich fremd. Ich hing meinen Gedanken nach, teilte mich niemandem mit. Der Exzess war es, mich zu vergessen. Ich wollte eine andere sein – eine offene, fröhliche, selbstbewusste Person. Der Rausch versprach all diese Dinge, haute mich dann aber gnadenlos über’s Ohr. Ich opferte mich für die Anerkennung anderer auf. Die Zeit in Mexico funktionierte als Metaebene für alles, was danach noch kommen sollte und jemals kommen wird. Sie war ein starker Ast an meinem Lebensbaum, aus dem weitere kleine Äste wuchsen und sich nun in Blüten verwandeln. Mein selbstauferlegtes Unglück kostete mich nur 100 Franken hin und wieder. Also suchte ich weiter. Der Exzess war die Suche nach mir selbst, nach meiner Definition von Glück und nach der Erlösung, mich nicht mehr selbst zerstören zu müssen. Ich litt wahnsinnig gerne – der Zustand des Leidens war mein treuer Begleiter. Er folgte mir wie ein Schatten.

Eines berauschenden Abends lernte ich jemanden kennen, der von sich behauptete, kein Mensch zu sein. Er verachtete die Gattung des Homo sapiens. Er sagte, dass es meine eigene Entscheidung sei, zu leiden oder nicht. Und es sei ebenso meine eigene Entscheidung, das Leiden mit dem Rausch ertränken zu wollen. Er lallte. Ich sagte ihm, er leide doch gewiss genauso, er ertränke auch etwas – ein Gefühl, welches sich wie ein Parasit in ihm eingenistet hätte. Er winkte ab und schüttelte demonstrativ den Kopf. Er schwieg lange und starrte auf den Glastisch vor sich, auf dem eine Armee an leeren Biergläsern stand. Plötzlich sagte er: „Auch ich bin nur ein Mensch. Auch wenn ich euch alle hasse, vielleicht hasse ich mich selbst.“ Er trank sein Bier aus und ging. Der Exzess sind die verschwommenen Erinnerungen – sie erheben sich lustvoll aus dem Ohnmachtsgefühl, welches pathetisch in der Rauchgeschwängerten Atmosphäre lauert.

Wieso fühlen die Menschen den Drang, Gefühle im Keim ersticken zu wollen? Wieso lassen sie sie nicht raus, feiern sie, schreien sie in die Welt? Diese Fragen begleiteten mich jahrelang und auch ich versuchte, mein Seelenleben im Zaum zu halten. Die Kunst war mein Ventil für all die nicht ausgelebten Gefühle und Zustände. Ich hungerte nach Ausdruck, doch stand ich mir selbst im Weg. Realität und Fiktion vermischten sich zu einer unüberwindbaren Masse. Ich redete mir ein, dass meine Inspiration nach dem Rausch hungerte, dass ohne den Rausch keine echte Kunst entstehen könne. Die Künstlerin, vernebelt und heimatlos: Diese romantische Vorstellung begleitete mich weit über mein Bewusstsein hinaus. Ich verinnerlichte all jene fiktiven Helden und Heldinnen, die nach Erlösung suchten und dem inneren Druck durch Rauschzustände zu entkommen versuchten. Ich war eins mit der Fiktion der leidenden Künstlerin. Und trotzdem war ich all die Jahre sehr produktiv. Die Kunst war das Einzige, was mich davon abhielt, mich selbst zu verlieren. Dies führte aber auch dazu, dass meine Kunst sehr egozentrisch war. Ich reflektierte mich darin selbst und versuchte, mich selbst zu verzerren. Der Exzess war die Flucht in die Fiktion.

Heute suche in den Rausch in anderen Dingen. Der Exzess ist das Alltägliche. Ich verliess das bequeme Nest der verzerrten Realität. All die Jahre suchte ich nach mir selbst und verschlang alles, was neu war. Heute weiss ich, dass ich nichts Neues finden kann, wenn ich in den immer selben Welten danach suche. Diese Welten, die sich vor mir erstreckten, schienen so aufregend, die Geschichten waren alle echt. Der Horizont war endlos. Die Brutalität des Rausches, der sich immer wiederholenden Ekstase schien alles zu sein, wofür es sich zu leben lohnte. Sie war der Nektar meiner Inspiration. Der Exzess war es, mich zu spüren, um sicher zu gehen, dass ich noch da war.

Die eigene Hilflosigkeit zu erkennen führt dazu, ein robustes Ich-Gefühl entwickeln zu können. Euphorisch über dieses neue Ich-Gefühl ging ich auf eine Party. Der Gedanke, ohne den vertrauten Rauschzustand an meiner Seite die gute Laune aufrecht erhalten zu müssen, machte mich nervös. Die warme, schwüle Nacht wirkte fad und farblos. Dann setzten die Rhythmen ein. Die Nächte in Mexico zuckten durch meine Erinnerung, Bilder leuchteten auf. Ich bewegte mich, als würde ich nie wieder damit aufhören wollen. Ich schloss die Augen und liess mich treiben – der Sog der Musik entführte mich in einen tranceähnlichen Zustand. Der Raum wurde zeitlos – es hätten Stunden oder auch Minuten sein können, während ich mich in einem Haufen von Menschen selber verlor. Es war ein Rauschzustand, der tiefer in mich eindrang, als alle anderen konstruierten Zustände zuvor.
Der Exzess war es, stundenlang zu tanzen und die Erschöpfung nicht zu spüren.

Wo fängt ein Exzess an? Und kennt er ein Limit? In Philosophie, Literatur und Kunst hat der Exzess eine schon fast transzendente, gottesähnliche Bedeutung – oder aber er wird verteufelt. Wenn ich nun auf die letzten Jahre meines Lebens zurückblicke oder wenn ich hier stehe im Hier und Jetzt, dann kann ich sagen: Der Exzess ist ein bittersüsser Kampf.  

using allyou.net